Psychodrama Institut Hamburg

Patchwork-Familie – wie kann genau das gelingen?

In Patchworkfamilien leben plötzlich Kinder und Erwachsene neu zusammengewürfelt. Bei dieser Art des Zusammenlebens prallen mitunter Welten aufeinander. So ist es nur natürlich, dass Patchworkfamilien eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegen.

Für die aus der vorherigen Beziehung mitgebrachten Kinder bedeutet es meist, nun in mehreren Haushalten das Modell Familie zu leben und dadurch zwischen unterschiedlichen sozialen Welten zu pendeln. Dabei sind sie mit verschiedenen Lebensstilen und Erziehungsmustern konfrontiert. Häufig belastet das die Kinder immens und damit dann auch das neue Paar, da die unaufgelösten Schwierigkeiten sich Bahn brechen müssen.

Kinder sollten ihren Verlust des Auseinanderbrechens in der ersten Familie angemessen betrauern und verarbeiten dürfen. Neue Familien wachsen erst langsam zusammen. Wichtig kann dabei sein, dass der neue Partner seine Rolle zunächst nur als Partner wahrnimmt. Meist erwachsen große Konflikte daraus, wenn er oder sie versucht, den leiblichen Elternteil zu ersetzen.

Häufige Konflikte entstehen auch dadurch, dass ein Patchwork-Elternteil gerne die „Nummer Eins“ für den neuen Partner/die Partnerin sein möchte. Das wird im Alltag meist nicht möglich sein. In der Regel werden die Kinder an erster Stelle stehen. Es ist wichtig, dass sich Patchwork-Eltern darüber bewusst sind, weil sonst ein Machtkampf um die Gunst der Partnerin/des Partners entstehen kann.

Falls Kinder irgendwie in die Rolle des Partnerersatzes für einen Elternteil gekommen sind, kämpfen diese oft darum, der wichtigste Mensch im Leben der Mutter oder des Vaters zu bleiben.

Zudem kommen sich die älteren Halbgeschwister oft als fünftes Rad am Wagen vor, nicht wirklich dazugehörig, da das neue Kind ja von den beiden Elternteilen ist.

Vor der Industriellen Revolution hatte eine Art Patchwork eigentlich Tradition in Deutschland. Die sogenannte große Haushaltsfamilie war zur dominierenden Grundform etabliert. Die große Haushaltsfamilie zeichnete sich dadurch aus, das nicht nur die Kernfamilie, d.h. Eltern und Kinder, sondern auch Tanten, Onkel, Groß- und Urgroßeltern und das Gesinde, also Ammen, Mägde und Knechte unter einem Dach wohnten und arbeiteten. Nicht selten verstarben Ehepartner in diesen großen Familienkonstrukten und andere Mitglieder übernahmen aus dieser Großfamilie deren Rolle. Die daraus entstehenden Spannungen hatten wenig Raum, bzw. die Mächtigen innerhalb der Großfamilie setzten sich häufig mit Macht und Gewalt durch.

Durch die industrielle Revolution und den damit einhergehenden bekannten Veränderungen kamen wir immer mehr zu einem Modell der Kernfamilie, deren Blütezeit zwischen 1955 und 1968 galt, da die eheliche Kleinfamilie in dieser Zeit eine besondere Monopolstellung innehatte.

Seit Ende der 1960er-Jahre hat eine Pluralisierung der Lebensformen und Individualisierung der Lebensführung eingesetzt. Durch diese gesellschaftlichen Umwälzungen stiegen natürlich die Scheidungsraten. Da Alleinerziehend meist schwierig und kräftezerrend ist, geht der Trend zur modernen Patchworkfamilie. In der vorindustrialisierten Großfamilie herrschte meist ein Patriarch, dem sich untergeordnet wurde. Dieses Modell ist heutzutage durch die Gleichstellung der Frau zum Glück immer mehr verschwunden. Es wird emotionale Zufriedenheit angestrebt, welche an Patchworkfamilien ihre besonderen Anforderungen stellt.

Welche Anforderungen gibt es denn überhaupt und was muss noch beachtet werden?

Wichtig ist, Elternschaft für Kinder aus vorherigen Beziehungen kann nicht einfach übernommen werden.  Auf der anderen Seite kann sie aber auch nicht abgegeben werden. Der  „Stiefelternteil“ muss erst seinen richtigen Platz in der neuen Familie finden.

Häufig führen Kinder auch Kleinkriege gegen den neuen Partner. Diese schwierigen Auseinandersetzungen passieren häufig dann, wenn es selbst die Trennung der Eltern noch nicht verwunden hat. Gleiches gilt aber auch, wenn die eigene Mutter oder Vater die Trennung noch nicht ausreichend verarbeitet hat.

Es kommt zu Stellvertreterkriegen gegen den neuen Partner. Hier muss sich unbedingt um Verständnis von beiden Seiten bemüht werden. Ziel einer Familientherapie muss von daher auch sein, dass jeder seinen Platz in der Familie bekommen und einnehmen darf.

Bringen beide Partner Kinder aus vorherigen Beziehungen mit, entstehen damit unter den Geschwistern neue Rollen. Ein jüngstes Kind erhält plötzlich eine mittlere Position und ein zuvor ältestes verliert seine „Machtstellung“. Damit es jetzt nicht zu Kämpfen kommt, spielen die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes eine wichtige Rolle. Auch hier gilt, dass der leibliche Elternteil den Großteil der Verantwortung übernimmt und der Stiefelternteil seinen neuen Partner unterstützt. Hierbei müssen die bestehenden Beziehungen, das Alter der Kinder und vieles mehr genau berücksichtigt werden.

Es entstehen viele neue Konfliktpotentiale innerhalb von Patchworkfamilien. Meist sind nach einer Trennung die Eltern als Verantwortliche für die neue Situation eher bereit, eine Beziehung zu einem neuen Partner einzugehen. Die Kinder wollen aber das Alte bewahren und können noch nicht verstehen, dass es diese Lebensepisode so nicht mehr geben wird - dieses ist eine große Ursache für Konflikte in Patchworkfamilien. Wir kennen dieses Verhalten auch aus Unternehmen, die miteinander fusionieren wollen. Die Führungsebene hält dieses neue zusammen wachsen für sinnvoll und die Belegschaft hat in der Regel das Gefühl, etwas zu verlieren und hält sich an den alten Besitzständen fest. Unternehmen engagieren in diesen Übergängen Changeberater, gleiches ist für Familien sinnvoll

Die Familienberatung kann hier äußerst hilfreich sein, um Kindern und Erwachsenen bei dieser Neuorientierung zu helfen. Die häufig unklaren und vielschichtigen Strukturen einer neu zusammengesetzten Familie sollten sichtbar gemacht werden. Hierbei gilt: verhalten sich die leiblichen Eltern kooperativ und die Patchworkeltern einfühlsam, finden sich die Kinder in dieser Situation wesentlich besser zurecht. Hierbei wirkt Paarberatung unbedingt präventiv.

“Du bist nicht mein Vater, Du hast mir nichts zu sagen!“

Es gibt Einiges zu tun, dass Kinder nach einer Trennung den oder die neue/n Anwärter/-in annehmen lernen.

Entscheidend ist, keine allzu große Erwartungen an das erste Zusammentreffen mit den neuen Partnern zu haben. Kinder brauchen einfach Zeit, dass ist unabhängig vom Alter.

Kinder können nicht gleich positive Gefühle entwickeln oder zum neuen Partner eine Beziehung entwickeln.

Wie kann es nun aber beim ersten Zusammentreffen mit dem neuen Partner klappen? Sich auf jeden Fall Neugierig, Zugewandt und interessiert am Kind zeigen und besonders wichtig, bei jüngeren Kindern keinen Körperkontakt, außer das Kind nähert sich von selbst.

Kommt es zu einem gemeinsamen Leben, so durchlaufen Patchworkfamilien 3 Phasen. In Phase eins ist gegenseitiges Betasten, Kennenlernen und Vorfühlen an erster Stelle. Phase zwei ist die schwierigste: In diesem Stadium sollten alle ihre Bedürfnisse formulieren dürfen, die Gefühle sollten ihren Platz haben und in der Regel finden auch notwendigerweise Machtkämpfe statt. Hierbei brauchen Kinder möglichst viel Freiraum. Eine typische Falle ist die Vermittlertätigkeit der Eltern zu den neuen Partnern.

Grundsätzlich sollte das neue Paar sich darüber einig sein, welche Werte, Erziehungsansätze und Regeln vermittelt werden sollen. Beide sollten gleichberechtigt was zu sagen haben. Häufig kommt es schon bei Kleinkindern zu Aussagen wie: ‚Du bist ja gar nicht mein Vater.’ Dies sollte vom Angesprochenen bestätigt werden und als nächstes unbedingt weiter eingefordert werden: ,Ja, stimmt. Ich bin nicht dein Vater. Unabhängig davon wohnen wir hier zusammen und ich möchte, dass du …“,

In dieser hochschwierigen zweiten Phase bleiben viele Patchworkfamilien stecken. Jetzt macht es häufig Sinn eine Beratung hinzuzunehmen. Häufig kommen Betroffene zur ersten Sitzung zu zweit oder sogar auch alleine. In dieser Situation ist es wichtig, zeitnah Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten.

So schaffen es viele Familen dann auch letztendlich in die dritte Phase, hier entsteht Zusammenwachsen und Integration, die daraus resultierende Stabilität wird wohltuend erlebt. Jetzt hat jeder seinen Platz und die Rollen sind klar verteilt.

 

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