Ein Kommentar zum wachsenden Vertrauen in digitale Ratgeber
Immer mehr Menschen – damals vor allem Jüngere, heute zunehmend auch Ältere – wenden sich im Alltag regelmäßig an ChatGPT oder andere KI-Systeme. Was ursprünglich als praktisches Werkzeug für schnelle Informationen gedacht war, übernimmt jetzt bei vielen eine ganz neue Funktion: Es wird zum dauerhaften Begleiter, zum Ratgeber in Lebensfragen – manchmal sogar zur gefühlten Vertrauensperson.
Das mag auf den ersten Blick harmlos erscheinen, vielleicht sogar nützlich. Doch wenn aus Hilfestellung schleichend ein digitales Ersatzverhältnis entsteht, lohnt es sich, innezuhalten.
Wenn die KI zum Ansprechpartner wird
Viele Nutzer berichten, sie könnten kaum noch Entscheidungen treffen, ohne vorher eine künstliche Intelligenz zu Rate zu ziehen – von der Wahl des richtigen Reiseziels bis hin zu Beziehungsfragen. Die KI wird dabei immer häufiger als menschliches Gegenüber wahrgenommen: objektiv, schnell, niemals urteilend, immer verfügbar.
Aber genau darin liegt die Gefahr. Denn die Beziehung zu einer KI ist keine echte Beziehung – auch wenn sie sich manchmal so anfühlt. Sie ersetzt Gespräche, Konfrontationen, Verständnis und Missverständnisse mit realen Menschen. Und damit auch die Chance auf echtes Wachstum, Reibung und Entwicklung. KI als Vertraute? Oder doch nur ein Bypass, der uns davor bewahrt, uns mit echten Problemen auseinanderzusetzen?
Echte Nähe entsteht nicht digital
In meinem beruflichen Alltag – ich arbeite therapeutisch – sehe ich regelmäßig, wie komplex menschliche Beziehungen wirklich sind. Wenn eine Person mit Beziehungsproblemen zu mir kommt, erfahre ich zunächst nur ihre Sicht der Dinge. Und selbst nach Jahrzehnten Erfahrung ertappe ich mich immer wieder dabei, dass diese Darstellung mein Bild der Situation beeinflusst – bewusst oder unbewusst. Erst wenn auch der Partner oder die Partnerin spricht, entstehen Tiefe und Nuancen, die davor völlig unsichtbar waren.
Das zeigt: Selbst eine gut gemeinte, aber einseitige Perspektive kann stark täuschen. Und genau das machen wir auch mit KI: Wir füttern sie mit unserer Sichtweise – oft geprägt durch emotionale Filter, durch eigene blinde Flecken und unbeeinflusste Narrative. Die Antworten, die wir erhalten, spiegeln diesen Rahmen wider – sie wirken stimmig, sind aber doch nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit.
Der Blick auf eine Generation
Einer aktuellen Studie zufolge nutzen bereits 72% der Jugendlichen sogenannte KI-Companions – also digitale Gesprächspartner, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Das ist beeindruckend – und auch ein Stück weit beunruhigend. Denn was passiert, wenn sich eine ganze Generation immer stärker auf KI-basierte Rückmeldungen verlässt? Wenn emotionale Entwicklungen, Entscheidungen oder sogar persönliche Wertvorstellungen zunehmend durch Algorithmen geprägt werden – statt durch eigene Erfahrungen oder zwischenmenschliches Feedback?
Hier geht es nicht nur um Technik, sondern um grundlegende Fragen menschlicher Identität, Beziehung und Verantwortung.
Mein Umgang mit KI: Werkzeuge statt Ersatz
Ich selbst nutze künstliche Intelligenz – zum Beispiel zur Informationsrecherche oder zum Preisvergleich beim Online-Shopping. Das ist sinnvoll und praktisch. Doch für persönliche Themen, emotionale Fragestellungen oder Beziehungsdynamiken ist sie für mich kein Ersatz.
Denn auch wenn die KI klug formuliert, fehlen ihr Empathie, Intuition und echte Lebenserfahrung. Sie ist und bleibt ein sprachbasiertes Modell, das mit Wahrscheinlichkeiten rechnet – kein Spiegel unserer Seele und auch kein wirklicher Gesprächspartner.
KI gegen Einsamkeit?
Natürlich: Wer einsam ist, kann durch KI zunächst ein wenig Verbundenheit erleben. Ein Gefühl, dass da „jemand“ ist, der zuhört. Und in schweren Phasen kann das tröstlich sein. Aber langfristig darf ein digitales Gegenüber kein Ersatz für echte Verbindung werden. Die viel wichtigere Frage lautet dann:
Was hindert mich eigentlich daran, mit echten Menschen in Beziehung zu treten?
Warum fällt es mir schwer, tiefe, erfüllende Kontakte aufzubauen?
Wenn wir diese Fragen ehrlich stellen und angehen, finden wir vielleicht einen Weg aus der Einsamkeit, der nicht über Technik führt – sondern über uns selbst und andere.
Fazit: Zwischen Nutzen und Nähe
KI kann vieles leisten – und manches davon sehr gut. Aber sie kann keine echten Beziehungen ersetzen. Sie kann uns nicht widersprechen, nicht trösten, nicht mit uns lachen oder weinen. Genau das aber macht menschliches Miteinander aus.
Deshalb ist mein Appell: Nutzt KI als Werkzeug – aber behaltet immer im Blick, was sie nicht leisten kann. Reflektiert euren Umgang damit. Und vergesst nicht: Die echten Antworten finden wir oft nicht im virtuellem Raum, sondern in der Begegnung mit anderen Menschen – und mit uns selbst.
Was denkt ihr darüber?
Habt ihr KI schon mal als „emotionalen Begleiter“ genutzt – bewusst oder unbewusst? Ich freue mich auf eure Gedanken!